A- | A | A+

Unter neuen Fahnen

25.04.2010: 

DIE RHEINPFALZ

In Biblis haben gestern bis zu 20 000 Menschen das Kernkraftwerk umstellt. Die Anti-Atom- Bewegung bekommt durch die Debatte um Laufzeitverlängerungen neuen Zulauf. Von Daniel Krauser


Im Grunde hat sich die Bewegung ihre Verjüngung schon auf die Fahnen geschrieben. Die meisten davon sind nämlich nagelneu, wohl die wenigsten der Hunderte von „Atomkraft-Nein-Danke"-Banner, rote Sonne auf gelbem Grund, dürften schon allzu viele Stürme im Wendland oder vor Ahaus erlebt haben. „Man sieht jetzt Leute, die seit 20 Jahren nichts mehr gemacht haben", sagt Matthias Weyland von der Naturschutzorganisation BUND, Mitveranstalter der „Umzingelung" des Kernkraftwerkes in Biblis, „aber auch viele junge Leute, die ein diffuses Gefühl gegen Atomkraft haben."


Eine kräftige Frühlingssonne brennt auf den Parkplatz vor dem RWE-Meiler in Biblis, über den sich kurz vor 14 Uhr schon einige Tausend Menschen schieben. Ein breites Spektrum von laut Veranstalter rund 140 Gruppen und Parteien inklusive SPD, Grünen und Linken hat zur symbolischen Einkesselung des Reaktorgeländes aufgerufen. Die Aktion ist eine von mehreren bundesweit vor dem 24. Jahrestag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am Montag: Eine 120 Kilometer lange Menschenkette mit rund 120.000 Teilnehmern verbindet die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel. Die Ziele im südhessischen Biblis sind moderater: Gut vier Kilometer Umfang sind zu umstellen. „Das ist mit 3000 Leuten zu schaffen", sagt Weyland. Mit den laut Veranstalter rund 20.000 - die Polizei spricht von 10.000 - die bis zur Umzingelung um 16 Uhr letztlich kommen, hätte man laut Weyland „Fünferreihen bilden können".


Und die, die da aus Aachen oder Freiburg oder der Pfalz angereist sind, bewegt „das Gerede um die Verlängerung der Laufzeiten", so Kathrin Kreidler aus dem schwäbischen Tuttlingen, selbst seit Jahren eigentlich nicht mehr aktiv in der Anti-Atom-Bewegung engagiert und jetzt wieder auf der Straße, respektive dem Parkplatz. Im Herbst will die schwarz-gelbe Bundesregierung ihr neues Energie-Konzept vorstellen - und angedacht sind Verlängerungen der Regel-Laufzeiten für Atommeiler auf bis zu 60 Jahre.


Was den sogenannten „Atomkonsens", den die rot-grüne Bundesregierung 2000 mit den Energieversorgern abschlossen hatte, aushebeln würde. „Ich war mit dem, was damals vereinbart wurde, zufrieden", sagt Aktivistin Esther aus Freiburg, Anfang 20, wendet sich ab und einem der ältesten deutschen Atomreaktoren zu: 1974 wurde in Biblis Block A in Betrieb genommen, und in diesem Jahr wäre wohl die Stilllegung fällig. Ob der Stecker gezogen wird oder nicht, entscheidet sich auch am 9. Mai.


Dann nämlich wird in Nordrhein-Westfalen gewählt und damit unter Umständen über neue Bundesratsmehrheiten entschieden, für den Ausstieg aus dem Ausstieg wohl vonnöten. „Am 9. Mai kann auch über die Energiepolitik der Bundesregierung abgestimmt werden", sagt die rheinland-pfälzische Umweltministerin Margit Conrad (SPD), ökologisch korrekt per Fahrrad angereist. Und warnt Richtung Berlin: „Wer das", sie meint den Atomkonsens, „aufkündigt, wird Protest ernten".


Offensichtlich reicht dazu auch schon die Ankündigung der Aufkündigung. „Mit so etwas hätte man in den kühnsten Träumen nicht gerechnet", resümiert Mit-Organisator Weyland kurz vor 17 Uhr die seiner Beobachtung nach „größten Anti-Atom-Proteste" seit über 20 Jahren.


Und wohl die Buntesten seit Langem: „Die Teilnehmer sind unglaublich gemischt", sagt Demonstrantin Eva aus Freiburg, und will einen Grund dafür kennen: „Ein unglaublich großer Teil der Bevölkerung ist gegen Atomkraft."


« zurück